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Running Man: Der rastlose Pop-Sänger SOHN findet zur Weltpolitik

15. Aug. 2017

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Phil Knott

Die ganz großen Gefühle. Immer noch die schwierigste Kunst in der Pop-Musik. Vor allem wenn statt Gefühl die Gefühligkeit, sprich Kitsch, dabei heraus kommt. Nicht so bei SOHN. Der britische Künstler Christopher Taylor, der unter dem deutschen Pseudonym SOHN elektronisch soulige Pop-Songs schreibt, ist einer der wenigen Meister dieser Gefühls-Disziplin. Hinreißende Synthesizer-Flächen fürs Herz treffen auf abstrakte Beatgerüste, die die nötige Reibung erzeugen, um eben nicht in die Sentimentalitätsfalle abzudriften.

Christopher Taylor, von dessen persönlicher Biografie nicht gerade viel bekannt ist, schaffte seinen musikalischen Durchbruch als Solo-Künstler 2014 mit dem Album „Tremors“. Seitdem war er fast pausenlos unterwegs und verbrachte mehr Zeit auf Flughäfen und in Hotelzimmern als irgendwo sonst. Sein zweites Album, das Anfang dieses Jahres erschien, hört auf den deutschen Titel „Rennen“ und spiegelt genau diese Rastlosigkeit eines immerfort Reisenden wider, der auch privat nicht so recht zur Ruhe kommen will.

Vor zwei Jahren war Taylor von seiner Wahlheimat Wien nach Los Angeles gezogen. Der englische Sprachraum sei zuerst eine Erleichterung gewesen, nachdem er sich sieben Jahre lang mit brüchigem Deutsch in Österreich hatte durchschlagen müssen, sagte er. Allerdings entpuppte sich die amerikanische Welthauptstadt der Pop-Musik auch bald als weniger kunstinteressiert als geschäftsinteressiert. „Wenn man dort mit Leuten zusammenkommt, geht es immer um Business. Wenn ich mit Lana Del Rey oder Rihanna zusammengearbeitet habe, war ich der Underground-Typ. Das war aber eben dann mein Etikett im Sinne eines Verkaufsarguments“, berichtet Taylor.

SOHN hat mittlerweile in Los Angeles Nachwuchs bekommen. Einen Sohn, der seine Perspektive auf die Welt verändert hat. Die Texte des zweiten Albums sind reflektierter und vor allem politischer geworden. Da geht es um den neuen Rechtsdruck in Europa, um den Brexit und natürlich um Donald Trump, der die USA derzeit radikal verändert. „Ich kenne niemanden in meinem Umfeld, der für diesen Präsidenten ist“, meint Taylor, „aber ganz offensichtlich lebe ich hier mit anderen Künstlern in einer Blase, die nicht repräsentativ ist für den Rest des Landes.“ Gerade jetzt hat er mit seiner Familie den Entschluss gefasst, ins alte Europa zurückzukehren. Barcelona heißt die neue Wahlheimat. Ein besserer Ort, um seinen Sohn aufwachsen zu sehen. Das Rennen geht weiter.


Von Tobias Staab, Dramaturg der Ruhrtriennale. Weitere Infos zu „Ritournelle“ finden sich hier.

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