Spielzeit 26.08. - 09.10.
Gliedermann oder Gott

Gliedermann oder Gott

»Über das Marionettentheater«. Eine Lesung mit Texten und Briefen von Heinrich von Kleist – Gelesen von Hans-Michael Rehberg

Gelesen von
Spielstätte

»Wir sehen, dass in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt.« / Heinrich von Kleist Über das Marionettentheater


Kleists berühmter Essay widmet sich der bedeutenden Frage, ob das menschliche Verhalten von Vernunft oder Gefühl gesteuert wird. Er schildert den Besuch in einem Marionettentheater, wo ihn die natürliche Grazie in den Bewegungen der Puppen begeistert. Was den Gliedermann auszeichne, fehle dagegen den Menschen: eine Anmut, die nur durch das völlige Fehlen von Bewusstsein entstehen könne.

Kleist entwirft das Bild eines gleichsam paradiesischen Zustandes der Unschuld, vor dem Biss in den Apfel der Erkenntnis, den wiederzuerlangen man eine »Reise um die Welt« antreten müsse: »... so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewußtsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.«