Die ersten Tage im Mai 2021. Während unsere Worte ihre Form suchen, ist Kolumbien, das Land, in dem wir leben und arbeiten, in Aufruhr. Zu der (selbst) auferlegten Isolation, die wir aufgrund der Pandemie erlebt haben, kommt nun das Unbehagen (sozial, wirtschaftlich, politisch) hinzu, welches in der großen Mehrheit der Bevölkerung das Bedürfnis hervorgerufen hat, auf die Straße zu gehen, um zu protestieren, trotz der Angst vor Ansteckung und der Angst vor brutaler offizieller und inoffizieller Repression.
In den letzten zweieinhalb Jahren hat Mapa Teatro nachgedacht über die Entschlossenheit einiger indigener Völker, indigener Völker des Amazonas, den Kontakt mit anderen Menschen zu vermeiden als einen Akt des Widerstands gegen die Plünderung und systematische Reduzierung ihres Lebensraumes, der Auslöschung ihrer Kultur und Weltanschauung. Diese Überlegung entstand aus einer zufälligen Begegnung mit einer Nachricht in der lokalen Presse: die Entdeckung einer in selbstgewählter Isolation lebenden Gemeinschaft im kolumbianischen Amazonasgebiet, die uns zu einer weiteren Untersuchung anderer, früherer Begegnungen führte. Erst durch die aktuelle Situation haben wir eine Ahnung davon erhalten, welche Folgen ein entsprechender Akt des Widerstands für unseren westlichen Lebensalltag haben würde.
Wir können die Umstände erahnen, welche die »Isolierten« dazu gebracht haben, die Verbindungen zu anderen Gemeinschaften abzubrechen, und es ist gut möglich, dass wir an ihrer Stelle genauso reagiert hätten. Aber wir wissen nicht, was sie von uns und der Welt, in der wir leben, denken; von dem, was wir »Fortschritt« und »Technologie« nennen, und von unserem Bedürfnis, Teil eines globalen Kommunikationsnetzes zu sein, von unserem ständigen und flüchtigen Konsum von Informationen.
Wie lange können sie distanziert und zurückgezogen bleiben, wie eine Insel im immer tiefer werdenden Meer der Menschheit?
Andere indigene Gruppen kontaktieren die »Isolierten« mithilfe von Pflanzen, Tieren, Tänzen, Gesängen. Wir greifen auf die Vorstellungskraft zurück, aber wir haben das Gefühl, dass ihre Gedanken ständig zu uns zurückkehren, uns den Weg versperren und uns auf die gleiche Weise lähmen, wie es ein paar gekreuzte Speere mitten auf dem Weg tun würden oder ein Pfeil, der durch die Luft auf uns zufliegt.
Wenn wir ihre Anonymität wiederherstellen und ihre Entschlossenheit, in der Unsichtbarkeit zu existieren, schützen könnten, müssten wir notwendigerweise auf die Erinnerung an sie verzichten, alle Nachrichten über ihre Existenz aus unserem Gedächtnis löschen. Angesichts des Unbekannten geht es uns wie denjenigen, die versuchen das Bild eines Schwarzen Loches im Weltall zu erfassen und sich in Ermangelung von Werkzeugen zur Feststellung seiner Anwesenheit auf die Beeinträchtigungen konzentrieren, die seine Gravitationskraft in seiner Umgebung erzeugt.
Wir bewegen uns zwischen diesen zwei parallelen und gleichzeitigen Welten, die einander fremd sind. Von unserer westlichen anthropozentrischen Lebensweise aus wollen wir uns einer Existenzweise nähern, die sich unserer Erfahrung entzieht; wie sehr wir auch versuchen, die Dis tanz zu verkürzen, wir können sie immer noch nicht sehen, hören, berühren. Welche Art von Invokationen werden wir uns vorstellen müssen, um die physischen und mentalen Grenzen zu überschreiten, die uns noch trennen?
Nie war der nichtlineare Fortschritt der Menschheitsgeschichte für uns so greifbar wie 1969, dem Jahr, in dem drei (weiße, westliche) Männer den Fuß auf die Oberfläche des Mondes setzten. Zur gleichen Zeit, als wären es Paralleluniversen, die unterschiedlich schnell voran schreiten, wird eine Gemeinschaft im kolumbianischen Amazonasgebiet, die seit Generationen aktiv und bewusst jede Art von Kontakt vermieden hat, durch die Ankunft einer kleinen Gruppe von Entdeckern (ebenfalls weiß, ebenfalls westlich) gestört.
Fünfzig Jahre später erlaubte uns eine Begegnung in Bogotá mit einem von ihnen, der aus dem Ort geflohen war, als die drei Männer vor der Maloca einer isolierten indigenen Gemeinde standen, mit einem ethnofiktionalen Werk über die Zeichen ihrer Existenz zu beginnen. Dieser Mann, ein Goldgräber, der zum Goldschmied geworden war, wurde für uns durch die kleinen Goldfiguren, die er herstellte, wenn er aus seinen Träumen erwachte, zum Medium einer möglichen poetischen Verbindung mit der Welt der Isolierten.