Das Fest des Lamms schildert kein militärisches Drama, sondern ein familiäres, einen grotesken Kampf um Selbstbestimmung und Freiheit, der zeigt, dass das gewöhnliche, bürgerliche Leben schärfere Zähne und Klauen hat, als die Natur sich je zu erträumen wagte. Der erste Akt beginnt mit einer Szene ähnlich dem Waggon, den Carrington in Unten beschreibt, »ein ziemlich merkwürdiger Raum, dessen Erkerfenster auf eine wilde, verlassene Hügelkette blickt«. Alles in diesem Zimmer erwacht entweder gerade zum Leben oder ist im Sterben begriffen – in Carringtons Prosa ist es eben so unmöglich, Lebendiges von Totem zu unterscheiden, wie Menschen, Tiere und Gegenstände auseinanderzuhalten.
»Die Möbel stehen auf ihren Spindelbeinchen so lustlos herum wie eine Gruppe alter Damen in Rokokounterwäsche. […] Die meisten Ornamente zeigen Pferde in komischen und gequälten Evolutionsphasen.« Hier sitzt die alte Mrs. Carnis und verschlingt eine faulig riechende Garnele mit Bohnensalat, ihr Gesicht liegt »wie eine tote Perle blass und wertvoll« in ihrem violettfarbenen Spitzenkragen, ihre Hände »mit den absonderlichen Knoten und Falten« sind wie »zwei Albino Seesterne«. Ein lasziver, sprechender Hund namens Henry schlüpft ins Zimmer, gefolgt von der sechzehnjährigen Theodora, »groß und wild« mit »immenser schwarzer Mähne«. Die Beschreibung gemahnt an Carringtons eigene dunkle Haarpracht in ihrem Self-Portrait (Inn of the Dawn Horse) von 1938. Als Kindsbraut wird Theodora von ihrem viel älteren Ehemann verfolgt, Mrs. Carnis’ übellaunigem, rachsüchtigem und Ingwerwein saufendem Sohn Philip. Wir erfahren, dass seine erste Ehefrau Elizabeth sechs Jahre früher auf mysteriöse Weise verschwand. Mitten im ersten Akt taucht sie plötzlich wieder auf, funkelt alle mit »wasserblassen« Augen an, während ihre Haare ihr Gesicht rahmen »wie die Flossen eines Metallfischs«.
Noch bevor ein Wort gesprochen wird, geben uns schon Carringtons Regieanweisungen zu verstehen, dass mit dieser Familie etwas ganz und gar nicht stimmt. Endlich sprechen sie doch, äußern aber nur schnippische Bemerkungen, Knurren, Zähneblecken und werfen sich so hasserfüllte wie lustige Beleidigungen an den Kopf. »Dein Mund schmeckt wie der Käfig einer Hyäne«, sagt Theodora zu Philip, als er sie zu küssen versucht – wobei die Hyäne eine wiederkehrende Unheilsfigur in Carringtons Prosa ist, angefangen mit ihrer ersten Kurzgeschichte Die Debütantin von 1935.
Mrs. Carnis’ Salon atmet die kränkliche, klaustrophobische Intimität eines Schlachthofs, noch ehe wir erfahren, dass jemand die Schafe der Familie ermordet. Dies vermeldet ein Schäfer, der das Haus zweimal besucht: zuerst am Anfang des ersten Aktes, um die Familie zu warnen, dass jemand den Schafen die Köpfe abbeißt; dann an seinem Ende als kopflose Leiche, die zur Tür hereinstürzt, in seinen Armen ein kopfloses Schaf »wie eine merkwürdige Madonna mit Kind«, schreibt Carrington. Das Lamm, die Madonna und ihr Kind – man erkennt, wie die Ikonen aus Carringtons katholischer Kindheit sich vor dem Publikum aufstellen, allerdings ohne das warme Versprechen von Gottes Liebe und Erlösung. Offen zutage treten die grausamen Opfer, die Frauen, Kindern und Tieren in diesen gottlosen Gefilden abverlangt werden.
Auch wenn dem Publikum früh im Stück die Schuppen von den Augen gerissen werden, bleiben die Figuren verhext, sie wandeln in geradezu hysterischen Lust und Wutzuständen über die Bühne und sehnen sich nach Befreiung. Im zweiten Akt ziehen wir uns mit Theodora ins Kinderzimmer zurück. Hier erwarten wir melodische Reime über die Reinheit und das Glück von Schafen, jedoch ist das Kinderzimmer nicht weniger heruntergekommen als der Salon. Zwischen Spinnweben, zerrissenen Büchern und »den melancholischen Geistern sadistischer Kinder« hat Theodora eine Affäre mit Philips Bruder Jeremy, einem Geschöpf mit strammem, »leuchtend weißem« Körper, einem riesigen Wolfskopf und der Neigung, Schafen und Schäfern den Kopf abzubeißen. »Kinder wissen etwas, das sie nicht sagen können; sie mögen Rotkäppchen und den Wolf im Bett!«, schrieb Djuna Barnes in ihrem modernistischen Meisterwerk Nightwood. Das Fest des Lamms verletzt dieses Tabu, indem es alle schrecklichen Geister, die das Kinderzimmer heimsuchen, als Zeugen der Liebe zwischen einem Mädchen und einem Wolf aufruft: »einen blinden Kanarienvogel, ein ersoffenes Kätzchen, das Skelett einer Ratte, zwei gekochte Goldfische, ein oder zwei flügellose Schmeißfliegen«. Als einziges nicht totes Wesen dort wird Theodora von Jeremy aufgefordert, sich zu töten. »Du würdest eine köstliche Leiche abgeben«, sagt er ihr, während sie Lammblut trinken. Seine kühle, fröhliche Begeisterung für ihren Selbstmord, dafür, dass sie nichts weiter als eine »köstliche Leiche« hergibt, verweist auf das 1925 von André Breton, Yves Tanguy, Jacques Prévert und Marcel Duchamp erfundene gemeinsame Zeichenspiel, eine Technik, mit der das Unbewusste freigesetzt wird, indem mehrere Künstler Körperteile auf ein gefaltetes Stück Papier malen, ohne dass einer die Zeichnungen des anderen sieht. Ebenso verweist es aber darauf, dass Surrealisten, auch Carringtons Liebhaber Ernst, Frauen als fragmentierte, geisterhafte Objekte dargestellt haben, ihre Köpfe, Brüste und Rümpfe als austauschbare Bausteine der Vision ästhetischen Segens der männlichen Künstler. Tatsächlich erfährt Theodora, dass Philips Ex-Frau Elizabeth auch Jeremys Liebhaberin war und dass sie zurückgekehrt ist, um ihren rechtmäßigen Platz im Haus neben Philip und im Moor bei Jeremy zu beanspruchen.
Und was ist mit den sterbenden Schafen? Sind sie so unschuldig, wie die Kinderreime im Stück und die christliche Ikonografie nahelegen? Nicht im Geringsten. Sie sind aus gesprochen dionysische Geschöpfe, irrsinnig und lachhaft sexualisiert, und verhöhnen lustvoll blasphemisch den Ausspruch des Johannes »Siehe das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt«. Im dritten Akt, der am Weihnachtsabend bei Vollmond spielt, treffen wir den »enorm korpulenten« Schafbock, der vor Freude »über den dicken Rauch seiner Pfeife« brüllt und Mary beäugt, »pechschwarz«, »ein wunderschönes junges Schaf, die einzige Jungfrau der Herde«. »Ihr Fell ist mit roten Blumen geschmückt, ihre Hufe sind aus Gold und funkeln wie vier neue 20 Schilling Münzen«, schreibt Carrington. »Dramatisch wirft sie sich in Pose, es folgt eine Stille, dann schlägt sie ihre goldenen Vorderhufe wie Kastagnetten zusammen und windet sich zur Melodie eines schmachtenden Walzers in die Mitte.« Das Krippenspiel verwandelt sich in einen spanischen Striptease, das schwache Lämmchen wird zum schwarzen Schaf der Familie – eine Jungfrau, die zur »Sünderin« werden will, wie Maria Magdalena, Marys Namensvetterin, im Evangelium nach Lukas beschrieben wird. Marys Tableau ist das düstere Zerrbild des erstaunlichen Mittelteils von Jan van Eycks Genter Altarbild, das die Anbetung des mystischen Lamms in reinem Weiß und unter einem goldenen Schauer darstellt. Ungeachtet der Wunde in seiner Brust steht es zentral auf einem roten Altar und blutet triumphierend in einen Kelch, während die Apostel und die Engel vor ihm knien. In Das Fest des Lamms verweist dieser Triumph auf eine entsetzliche Wendung. Jeremy kann Mary-mit-den-goldenen-Hufen nicht widerstehen, er tötet sie und flieht vom Ort des Verbrechens. Zurück bleibt Theodora in einer Pfütze aus dem Blut des jungfräulichen Schafs. Der Sex und die Wildheit der Moore sind nicht so sehr Flucht vor dem Haus Carnis als vielmehr sein Double, nur bar aller menschlichen Verstellung und Höflichkeit. »Wie amüsant muss es sein, Schafe zu töten, während ringsum sanft der Schnee rieselt und alle Weltenklänge zur Sprache eines Tauben herab gedämpft werden«, sagt Theodora.