© Theresa Rauter

Mein Name ist Amanda Piña.

Ich bin Choreografin und Tänzerin.
Vielleicht ist es wichtig zu erwähnen, dass mein Hintergrund vielfältig ist und ich mich nicht mit nur einem Land identifiziere, was in Südamerika nicht ungewöhnlich ist. Mein Vater ist Mexikaner, meine Mutter Chilenin mit syrisch-palästinensischen Vorfahren, Libanes:innen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Südamerika geflohen sind, erst nach Argentinien, dann nach Chile. Zu jener Zeit wurden viele junge Menschen in die osmanische Armee eingezogen, weshalb die Eltern des Großvaters meiner Mutter entschieden, ihren Sohn wegzuschicken. Sie wussten, dass sie ihn nie wiedersehen würden, aber die Alternative wäre gewesen, ihn als Kanonenfutter an die Front zu schicken. Das war damals sehr schwer und lässt sich nicht mit heute vergleichen. Für mich ist es anders, so weit entfernt von meinen Eltern zu leben, denn heute gibt es WhatsApp und ich habe täglich Kontakt zu ihnen.

Ich bin in Chile unter der Diktatur aufgewachsen und jedes Jahr nach Mexiko gefahren, um meinen Vater zu besuchen. Als die Diktatur in Chile endete, was sie nur offiziell tat, denn die Strukturen sind bis heute sehr autoritär, war ich 19 Jahre alt.

DEM WESTLICHEN KONZEPT VON TANZ LIEGT EINE GEWISSE VORSTELLUNG VOM KÖRPER ZUGRUNDE, VIELE THEMEN WESTLICHEN DENKENS, AUCH NEOKOLONIALE THEMEN, KOMMEN DARIN ZUM AUSDRUCK. Amanda Piña

Nachdem ich die Theaterschule beendet hatte, folgte ich der Einladung meines Vaters nach Mexiko und entschied mich, Anthropologie zu studieren. Aber mit dieser Art des  Lernens konnte ich nichts anfangen: Stundenlang auf einem kleinen Stuhl zu sitzen mit einer Pause von fünfzehn Minuten, war mir zu unbequem. Das wollte ich nicht. Über meine Freunde lernte ich Menschen aus indigenen Gemeinschaften kennen, die ebenfalls in Mexiko Anthropologie studierten. Wir reisten gemeinsam zu diesen Gemeinschaften, es war eine Art Initiationsreise in die Wüste, die mich stark prägte. Ich hatte zwar entschieden, dass still dazusitzen und zu verdauen, was andere aus Büchern vermittelten, nicht meine Art des Lernens war, aber meinem Interesse an Anthropologie, an anderen Formen des Wissens und des Existierens, tat das keinen Abbruch.

Eines Tages sagte eine befreundete Anthropologin zu mir: Lass uns einen Tanzkurs besuchen, lass uns Tänzerinnen und Choreografinnen werden!

Sie führte mich also auf diesen unerwarteten Weg. Eigentlich hatte mich Tanz nie besonders interessiert, als Kind war ich eher burschikos. Ich begann also meine tänzerische Laufbahn aus einem anthropologischen Interesse heraus. Das war mein Einstieg.

Die Vielfalt und der Reichtum der Danzas in Mexiko ist enorm.
Tanz im Sinne von weißem, westlichem Tanz ist weniger stark vertreten, dagegen aber voll von verschiedenen Manifestationen indigener Danzas. Ich unterscheide zwischen Tanz und Danza, um eine Unterscheidung zu machen zum westlichen Schönheitskanon und seinem Ausdruck im klassischen, modernen und zeitgenössischen Tanz. Diesem Konzept liegt eine gewisse Vorstellung vom Körper zugrunde, viele Themen westlichen Denkens, auch neokoloniale Themen, kommen darin zum Ausdruck.

Westlicher Tanz war gar nicht mein Hauptinteresse, vielmehr musste ich diesen Tanz erlernen, um die Autorität zu erlangen, das zu tun, was ich eigentlich tun wollte, und das war eben nicht auf weißen Tanz begrenzt. Ich verstand die Abstraktion des Tanzes nicht, die auch nur eine scheinbare ist, da sie nicht real ist. Abstraktion im Theater oder im Museum ist nie wirklich abstrakt, sie erscheint nur abstrakt und unverbunden. Diese Art der Abstraktion ist dem westlichen Wissensbegriff sehr ähnlich und mit der Vorstellung verbunden, dass die Dinge nur aus der Distanz zu begreifen sind, nur wenn man sie losgelöst von all ihren Kontexten betrachtet – was eine sehr brutale Geste ist.

Danza ist ein viel ganzheitlicheres Konzept als Tanz: Es lässt sich weder vom Alltag trennen, noch von Naturkreisläufen oder kalendarischen Ereignissen, auch nicht von den Sternen oder davon, ob die Sonne scheint oder eben nicht. Danza ist nicht abstrakt, sondern in der Erde und der Gemeinschaft verwurzelt.

Die Reihe »Endangered Human Movements« hat mit Erinnerung zu tun: Erinnern anderer Formen des Existierens, des Denkens, des Wissens, des In-der­Welt­-Seins. Amanda Piña

Die Reihe »Endangered Human Movements« hat mit Erinnerung zu tun: Erinnern anderer Formen des Existierens, des Denkens, des Wissens, des In-der-­Welt­-Seins.
Für The Jaguar and the Snake arbeitete ich mit einem Schamanen, einem Mara’akame (Anm. d. Red.: Heiler, der durch Tanz und Gesänge wirkt), aus Nordostmexiko zusammen und lud in diesem Zusammenhang den Wissenschaftler und postkolonialen Denker Rolando Vázquez ein.

Ich bat ihn: »Rolando, kannst du Maestro Katira – der ein weiser Mann mit einem großen Wissensschatz ist, aber nicht im westlichen Sinne – beschreiben, was dekoloniales Denken ist?«

Erst dachte er: »Oh! Wie soll ich das tun?« Aber dann sagte er:

»Maestro Katira, Kolonialität ist der auferlegte Zwang zu vergessen, andere Formen des Zusammenseins zu vergessen, andere Formen des Wissens, der Welterkenntnis, des Existierens, andere Vorstellungen, eine Gemeinschaft zu bilden. Dekolonialität ist der Akt des Erinnerns all jener Zusammenhänge, die Kolonialität bewusst aufgelöst hat. Dekoloniales Denken ist die Perle der Erinnerung.«

»Endangered Human Movements« hat genau damit zu tun: mit Erinnerung, die durch den Körper geht, die sich über die Zeiten hinweg körperlich manifestiert, indem sie gewesenen Daseinsformen die Möglichkeit gibt, durch unsere Körper wieder in der Welt zu sein. Es ist also nicht einfach das Erinnern von etwas, das nicht mehr ist. Es ist viel aktiver, es ist die Wiederbelebung der Vergangenheit in einem anderen Zusammenhang, dem Kontext von Kunst beispielsweise. Ich fühle, dass wir mit unseren Ahnen verbunden sind, mit ihrer Art, sich zu bewegen, ihrer Art des Verstehens, des Seins, des Sich­-untereinander-Verbindens. Da ist etwas, das in uns wieder zum Vorschein kommt, aber nicht durch Sprache oder Worte, sondern durch Manifestation in unserem Fleisch.


Die Choreografin und Performerin AMANDA PIÑA sammelt in ihrem Archiv »Endangered Human Movements« seit vielen Jahren Bewegungen und Tänze, die vom Aussterben bedroht sind. In ihrem Textbeitrag stellt sie sich und ihre Arbeit daran vor.

Übersetzung: PANTHEA