Expert:innen nennen die inneren Ränder, dort, wo die jeweiligen Ordnungseinheiten des Raumes aneinanderstoßen, Begegnungskanten. Genau an diesen Kanten – zwischen Feldern und Industrieanlagen, Wohneinheiten und Grünflächen – verlaufen die Wege. Wie können die Routen entlang der Begegnungskanten zu Gelegenheiten der Begegnung werden? Mit sechs lokalen Künstler:innenkollektiven teile ich seit über einem Jahr diese Frage. Denn niemand kann besser über die Gegend sprechen als die, die schon da sind. Die starke freie Szene NRWs hat vielfältige Kollektive und Künstler:innen hervorgebracht. Einige davon – Anna Kpok, loekenfranke, Stefan Schneider, Peng! Kollektiv, RUHRORTER, tehran re:public – ermutigte ich, sich für die Ruhrtriennale und ihr Publikum auf den Weg zu machen. Noch einmal da langzufahren, wo sie immer schon langgefahren sind, um nochmal genau hinzuschauen, um zu überlegen, was und wie es gezeigt werden könnte, um zu sehen, was nicht zu sehen ist. Viele Wochen und viele Kilometer später werde ich eingeladen, im Dauerregen durch entleerte Gegenden Duisburgs mit dem Rad zu fahren, in überfüllten Straßenbahnen lose Blätter zu lesen, mir an verwaisten Haltestellen Audiofiles runter zuladen oder im Regionalexpress Sprachnachrichten an zuhören. Ein Abenteuer beginnt, das Schritt für Schritt weitergeht und nun auf Begegnung an der Kante wartet.
ALJOSCHA BEGRICH ist seit 13 Jahren im Ruhrgebiet unterwegs. Zuerst arbeitete er als Bühnenbildner am Schauspielhaus Bochum (2008), 2013 an der Oper Dortmund. Zwischen 2015 und 2017 zog er mit Truck Tracks von Rimini Protokoll als Kurator durch weitere Städte, u. a. Recklinghausen und Mülheim. Seit 2020 ist er Dramaturg für interdisziplinäre und site-specific Projekte bei der Ruhrtriennale.
Das Kartenmaterial stammt aus der Publikation: Schichten einer Region. Kartenstücke zur räumlichen Struktur des Ruhrgebiets, hrsg. v. Christa Reicher, Klaus R. Kunzmann, Jan Polívka, Frank Roost, Yasemin Utku, Michael Wegener, Jovis Verlag, 2011.