JD: Hattet ihr schon einmal Kontakt mit dem Ruhrgebiet oder ist das eine Erstbegegnung?
FH: Ich kenne das Ruhrgebiet von einer Bandtour aus den 70er-Jahren. Da konnte man kaum atmen, es war schmutzig und es gab nichts Gescheites zu essen. Es war irgendwie eine Maloche, aber mit einer tollen Energie, die für uns Schweizer aus dem sauberen Ländli verwegen war. Ich erinnere mich auch an ein Konzert im Gasometer in Oberhausen vor 20 Jahren – überwältigend! Von der Höhe wurde mir so schwindelig, dass ich mich am Geländer festhalten musste. Diese gigantischen Räume sind auch akustisch toll: Du klatschst und nach einer halben Sekunde kommt das Echo zurück. Solche Dimensionen haben wir in der Schweiz nicht, deshalb suche ich diese Weite im Klang, im Echo der Kirchen, im Hall.
LN: Die Ruhrtriennale kenne ich schon von einem Konzert in der Zeche Carl. Als Kulturschaffende machen wir diese Orte auf eine ganz andere Weise zur Energiequelle als die Kohleförderung, aber ihre alte Funktion ist noch immer spürbar. Wenn man sich Weltraumbilder ansieht, glüht das Ruhrgebiet wortwörtlich. Mich fasziniert die dichte Besiedelung der Region – ein kultureller Schmelztiegel. Diese Offenheit und Durchlässigkeit so vieler verschiedener Kulturen auf engem Raum schafft ein kreatives Umfeld.
JD: Schlagzeuger:innen sind die Musiker:innen der tausend Instrumente. Welches findet ihr persönlich unschlagbar?
FH: Bei mir hat es im Zirkus angefangen: Alle haben auf die Seiltänzerin geschaut, ich zum Mann, der den Trommelwirbel machte. Nach der kleinen Trommel war die zweite große Begegnung meiner Schlagzeuglauf- bahn das Becken. Ich konnte mir weder Gong noch Tamtam leisten, deshalb habe ich mich erstmal in Beckenklänge vertieft. Ich liebe auch die klingenden Steine von Arthur Schneiter wegen ihrer eigenartigen Obertonstruktur, die den Körper schwingen lässt. Zurzeit schwärme ich hauptsächlich für mein neues Tamtam. Du schlägst es an und es öffnet sich eine Tür in eine andere Welt. Ich bin ein Freund der Reduktion und der Hingabe. Ich gehe mit dem kleinen Gong auf Tournee und schabe einfach eine Stunde daran herum.
LN: Das Herz ist und bleibt das Basic Jazz-Drumkit. Darauf halte ich meine vier Extremitäten fit. Aber dann geht es natürlich rasant los mit Präparationen, Erweiterungen, Bürsten, Sticks und Schlägeln. Ich will aus dem Set möglichst viele verschiedene Farben herausholen und achte drauf, dass die drei Hauptmaterialien – Fell, Metall, Holz – immer zur Verfügung stehen. Einer meiner Lieblingssounds sind die Water Drums. Man spielt auf halb leeren Kürbissen in verschiedenen Größen, die auf einer Wasseroberfläche schwimmen. Ein magischer Klang, den man auch sehr schön tunen kann.
JD: Lucas, du hast deine Kindheit in Kamerun verbracht. Gibt es bei dir musikalisch Einflüsse aus der westafrikanischen Musikkultur?
LN: Ich habe in meinem Atelier viele Instrumente aus Kamerun. Die Rhythmen interessieren mich gar nicht so vordergründig, vielmehr hat mich der Einsatz der Trommel in Ritual und Alltag geprägt. Zum Beispiel erfüllen die großen Holzschlitztrommeln eine ähnliche Funktion wie bei uns Kirchenglocken. Als ich um 1990 für längere Zeit in Kamerun war, habe ich Trommelbau gelernt und auch einem Cheftrommler auf einem Maskenritual über die Schulter geschaut. Er konnte unmöglich langsamer spielen oder erklären, was er macht. Er konnte nur spielen. Also habe ich gelernt, anders zuzuhören: nicht analytisch, sondern in großen Bögen. Andersherum war es mit meinem Freund Rolando Lamussene aus Mosambik. Er hat wirklich lange, komplexe Kompositionen einstudiert, konnte aber bei den Proben nicht einfach irgendwo in Takt 29 einsteigen. Wir mussten immer von vorne anfangen, weil er das Stück nur so lernen konnte. Als wir nach drei Jahren das erste Mal wieder im Schlagzeugquartett zusammenkamen, hat Rolando als einziger keinen Fehler gemacht. Er hat das drin gehabt, aber das Lernen war aufwendig.
JD: Bringt die neue Generation der Schlagzeuger:innen mehr Frauen?
FH: Es gibt Bewegung. Bei meiner letzten Juryteilnahme beim Concours International de Genève gingen die beiden ersten Plätze an Frauen, die eine ganz andere Form von Musikalität, natürlich auch eine wahnsinnige Kompetenz und Spielfreude mitgebracht haben. In meiner Schlagzeugklasse am Konservatorium waren wir noch sieben Jungs. Als ich dann zum ersten Mal eine junge Frau am Schlagzeug erlebt habe, war das extrem eindrücklich. Ich wollte schon in meinen ersten Orchesterprojekten möglichst viele Frauen dabeihaben, weil sie das Niveau insgesamt heben. Plakativ gesagt kommt man weg von einer Sportart hin zu einer Musikform. Wie bei vielen Berufen sind es auch gesellschaftliche Missstände, die verhindern, dass Frauen als freischaffende Musikerinnen international tätig sein können. Oft müssen sie sich zwischen Karriere und Familie entscheiden. Ich unterstütze junge Musikerinnen und Schlagzeugerinnen mit allen Kräften, damit sie dranbleiben.
LN: Die Marginalisierung hat gar nicht so viel mit unserem Instrument zu tun, sondern mit den Vorbildern und Anreizen. Warum gibt es so wenige Jazzmusikerinnen? Wir müssen uns nur mal die Dozent:innen ansehen. Der Anteil von Männern ist immer noch viel höher. Leider wird dieses Ungleichgewicht auch in der Kulturbranche noch nicht genügend reflektiert. Diese vielen ausgewiesenen Frauenschwerpunkte in der Saison nach #metoo fand ich eher heuchlerisch. Das müsste einfach selbstverständlich sein! Die Kurator:innen müssen ohne große Töne darauf achten, dass Frauen im Programm vorkommen. Dafür braucht es manchmal eine Extrarunde der Recherche und mehr mutige Förderung. Barbara Frey hat da in Zürich gut vorgelegt: Walk your talk!
JD: Wie seht ihr denn gegenseitig eure Entwicklung?
FH: Ich habe den Lucas als ehrgeizigen jungen Musiker und Perfektionisten kennengelernt. Es konnte nicht schnell und kompliziert genug sein. Mit der Zeit hast du dich zu einem Komplettmusiker entwickelt, dem ich nicht nur auf der Bühne gerne zuhöre.
LN: Fritz ist eigentlich ein Antipode zu meiner Art, Schlagzeug zu spielen: ruhig und kontrolliert, fast schon steif. Ich bin mit zunehmendem Alter fasziniert von seiner Klarheit, die trotzdem mystisch und geheimnisvoll bleibt. Er kann mit ganz wenigem sehr viel Tiefgründiges sagen. Vor allem schätze ich deinen Humor, Fritz, das ist eigentlich sehr unschweizerisch.