BF: Wie kommt man darauf, solche Architekturen zu denken? Denn wenn man es nicht gedacht hat, nicht in Sprache gefasst und nicht »ausgerechnet« hätte, dann könnte es da ja nicht stehen. Mich interessiert immer dieser Transfer, wie in der Literatur. Was wir gemeinsam gelesen haben, kommt ja aus dem Hirn von Edgar Allan Poe und schließlich ist es in unserem Hirn. Das Reizvolle an dieser Gegend ist die ständige Provokation, darüber nachzudenken, was wir eigentlich tun. In der Schweiz schürft man nicht in der Erde, man steigt nicht hinab. Stattdessen gibt es diese merkwürdige postkartenhafte Idylle, die sich immer weiter entfernt, je näher man ihr kommen möchte.
Hier ist es umgekehrt: Es entzieht sich mir nicht, sondern lockt mich und treibt mich in eine Art des produktiven Nichtverstehens. Auf meinen Fahrten durch das nördliche Ruhrgebiet denke ich beim Anblick all der Ungetüme, die in der Landschaft stehen: Hier wurde fast zwei Jahrhunderte lang in der Erde geschürft, und jetzt werde ich geschürft. Es schürft zurück, es stöbert mich auf und beunruhigt mich.
UCS: Für mich stellen sich diese Fragen an anderer Stelle: Welche menschliche Energie wurde hier eingesetzt – an Erfindergeist, an Arbeitskraft, an Menschenleben – alles investiert, um diesen Rohstoff zu gewinnen? Ein wenig versteht man es vielleicht erst, wenn eine Zeche dicht macht: Erst haben sie jede einzelne Schraube unter Tage transportiert und hinterher wird alles, eben jede kleinste Schraube, wieder über Tage geholt. Dieser Aufwand ist doch im Hinblick auf die menschliche Energie unvorstellbar. Gleichzeitig kann ich ganz prosaisch im Archiv nachforschen, was für Profit gemacht wurde. Ich kann das emotionslos als Verhältnis von Kapital und Arbeit verhandeln. Aber es ist mehr. Um das andere annähernd zu fassen, brauchen wir vielleicht die Sprache von Literatur und Poesie. Natürlich lässt sich die Industriegeschichte in Bruttoregistertonnen erzählen. Aber durch Literatur tun sich vielleicht weitere Aspekte auf, sie lädt ein, anders da rüber nachzudenken.
BF: Der Kopf als Bergwerk, die Seele als Bergwerk, da stellt sich für mich die Frage nach der Maßlosigkeit. Ist der Bergbau an seiner Maßlosigkeit untergegangen?
UCS: Naja, der Steinkohlenbergbau ist im Ruhrgebiet nicht an seiner Maßlosigkeit untergegangen, sondern daran, dass er zu teuer war und zu stark subventioniert werden musste, um auf dem Weltmarkt mithalten zu können. Und dann ist er ja nicht untergegangen, sondern es war eine politische Entscheidung, das Ende des subventionierten Steinkohlenbergbaus einzuleiten.
BF: Aber das hat ja etwas mit einer Maßlosigkeit zu tun, es sprengt etwas das Maß und dann ist es, wie man sagt, nicht mehr rentabel.
UCS: Okay, so ja.
BF: Und diese Maßlosigkeit finde ich auch bei Poe interessant. Wenn man ihn als Stilisten liest, forscht er an der absoluten Grenze des Sagbaren: Alles ist unglaublich fürchterlich oder noch schreckenerregender. In diesem Superlativischen steckt für mich die reine Freude an der Kunst. In der Kunst geht es ja immer auch um Überschuss, um das Paradiesische und das Katastrophische. Das Schöne und das Fürchterliche sind benachbarte Zonen. Aber nicht nur in der Kunst …
UCS: Einige meiner Kolleg:innen diskutieren, dass mit dem Ende des Bergbaus auch das Ende des Ruhrgebiets gekommen sei. Das sehe ich anders. Da rede ich mit dem Philosophen Roland Barthes: Zwar hat diese spezielle Geschichte ein Ende gefunden. Aber jetzt beginnt die große Zeit des Mythos. Und daran arbeiten Menschen von unterschiedlichen Orten aus: Da gibt es Gruppen, die diese Kumpel-Nummer fahren mit blauweiß gestreiften Hemden und »harte Arbeit« beschwören. Es gibt die Szene, die Lust hat auf urbanes Leben, die sagt: Hier können wir, anders als in Berlin, Dinge machen, hier gibt’s noch etwas zu entwickeln. Und natürlich kann man mit Herbert Grönemeyer »tief im Westen« an der Currywurstbude stehen und den Mythos dort leben.
BF: Es hat ja auch etwas Heroisches, wenn man über einen Untergang sprechen kann und dass es nie wieder so sein wird, wie es war. Man hält es sich damit auch ein Stück weit vom Leib und mystifiziert es.
Könnte ein Teil der hier spürbaren Melancholie nicht auch daher rühren, dass der Bergbau gefährlich war und der Tod in der Grube lauerte? Das muss ja auch irgendwo »hingegangen« sein.
UCS: Frauen, Mütter, Töchter von Bergleuten unterschiedlicher Generationen berichteten, dass die Angst immer präsent war, dass »er nicht mehr nach Hause kommt«. Doch sie haben sich damit arrangiert und die Oma gut gepflegt, um möglichst lange von ihrer Bergbau-Rente zu profitieren, um das mal in ein provokantes Bild zu fassen. Es könnte schon sein, dass sich aus diesem Spannungsverhältnis eine Melancholie in die Region eingeschrieben hat, die noch präsent ist.
BF: Wo sind die Risse und Schneckenspuren in unserer Zivilisation? Was transportiert der Haarriss, der sich über die Fassade des Hauses Usher zieht?
Bei Poe muss man abtauchen. Es ist ein In-die-Dunkelheit-Hineingehen und dabei verlässt man die Welt, in der man ist, und kommt als Leser:in mit einer anderen Welt angereichert zurück. Dieser Weltenwechsel ist für mich auch im Zusammenhang mit dem Bergbau interessant.
Und die Figur, die diesen Wechsel hier für mich vollzieht, ist der Kumpel, der zum Helden wird, weil er mir irgend wie das Gefühl gibt, ich wäre selbst hinabgestiegen, als wäre das ganze Ruhrgebiet in der Grube gewesen. Die, die wirklich in die Grube gegangen sind, haben eine Stellvertreterfunktion.
UCS: Immer Zeche und Stahlwerk, doch nicht erst mit den Universitäten in den 60erJahren hat es im Ruhrgebiet eine Bildungsgesellschaft gegeben, haben sich ganz viele »Aufstiegsbiografien« entwickelt. Das ist mindestens genauso wichtig für die heutige Erzählung der Region wie der Bergbau, der übrigens viel zu dieser Bildungslandschaft beigetragen hat. Doch die spezielle Folklorisierung und Romantisierung des Bergbaus läuft auf Hochtouren.
BF: Könnte diese Folklorisierung auch eine Form der Besänftigung sein? Eine Linderung des Schmerzes über den Verlust eines »goldenen Zeitalters«, eines Gefühls der Zusammengehörigkeit? Dieser Schmerz steckt in allen Künsten: Er ist das Erkennen der eigenen Einsamkeit.
UCS: Es ist doch eine Perspektive, die Sie zum Glück in Ihrer Auseinandersetzung mit dem Ruhrgebiet ein nehmen können! Denn alles andere würde ja zu nichts Neuem führen.
Und ich werde herausgefordert, hinter meine Geschichtswissenschaft zurückzutreten, um diese literarische Erfahrung an mich heranzulassen. Auch das Ende vom Untergang des Hauses Usher eröffnet Assoziationen zur realen Situation: Da ist der »tiefe dumpfige Teich« und das »Gebraus von tausend Wassern«, das nicht nur in der Literatur am Hause Usher tobt, sondern auch real im Ruhr gebiet bedrohlich wirkt. Wenn das Grubenwasser in der Bergbaufolgelandschaft nicht permanent weggepumpt würde, gäbe es bald das Ruhrgebiet nicht mehr. Doch in der Literatur muss der Untergang kommen …
BF: Er ereignet sich über ein Geräusch – ein »lärmendes Tosen« – und dann Stille.
»Während ich noch starrte, wurde dieser Riß zusehends breiter – ein wütender Stoß des Wirbelsturms fuhr daher – das ganze Rund des Erdtrabanten wurde plötzlich sichtbar – schwindelnd sah ich die mächtigen Mauern auseinanderbersten – hörte ein langes lärmendes Tosen wie das Gebraus von tausend Wassern – und der tiefe dumpfige Teich zu meinen Füßen schloß sich langsam und lautlos über den Trümmern des Hauses Usher.«