Wir treffen uns im Café del Sol, einem dieser Orte, die Halt geben. Das Fertighaus als Neandertalerhöhle. Kolonialstil in BRD-Ambiente. Ein Versprechen, vergleichbar mit dem der Karstadt-Umkleidekabinen, der DB-Lounges und der Neckermann Reisebüros, vergleichbar also mit raumgewordenen Artefakten – oder, vielleicht richtiger: artefaktgewordenen Räumen – einer soeben vergangenen Gegenwart.
Einmal sah ich in Leipzig einen alten Herrn aus dem in Sandstein gezwängten Karstadt in die Dämmerung treten, so wie er schon an derselben Stelle aus einer sozialistischen Kaufhalle herausgetreten war, und vorher noch – als Kind vielleicht – aus dem Warenhaus Althoff. Nicht der Karstadt, um dessen Erhalt neben den Mitarbeiter:innen bloß ein paar nostalgische Zugezogene kämpften, war das Artefakt, der Alte war es. Er hatte alles gesehen.
Das Café del Sol aber ist noch da. Seine Artefaktwerdung – und die unsrige – steht noch bevor. Das alles fällt mir ein, als ich Tobias auf der Terrasse treffe. Orangensaft, Cappuccino Art aus Kakaopulver, der regenbogenfarben geblichene Zopf der Kellnerin.
Das alles könnte erzählenswert sein, weil ja auch diese Stadt als Artefakt am leichtesten zu lesen ist.
Zwischen den Lockdowns ein Kneipenbesuch im Keller eines Berliner Einkaufszentrums. Die Wirtin zückt ihr Telefon und bittet mich, eine bestimmte Straße in Schalke zu bewerten. Gute oder schlechte Gegend? Es stellt sich heraus, dass ihr neuer Freund – Fernfahrer, Fernbeziehung, unter so romantischen Bedingungen geschlossen, dass eine Nacherzählung niemals Gerechtigkeit täte –, es stellt sich heraus, dass ihr neuer Freund, den sie bald besuchen wird, in eben jener Straße wohnt. Mir scheint sie absolut in Ordnung.
»I cut the bread for them and they run« singt Sibylle Baier in Alice in den Städten, und: »Love them if ever they come, wherever they’re gone«. In Wuppertal wohnt Alices Großmutter nicht, und auch nicht im Ruhrgebiet. In einer alten WDR-Doku die beiden Gastarbeiterväter jener Karnaper Jugendlichen, die zur Thrash Metal Band Kreator gehören. Der eine sagt, sie müssten es doch wenigstens einmal versuchen, mit der Musik. Der andere will, dass sein Sohn einer sicheren Arbeit nachgeht, und zwar so fort. Die beiden Väter, wie sie auf den krummen Gehweg platten zwischen zwei Rasenstücken stehen. Ein Sohn wird aussteigen, bevor die Band zu Weltruhm kommt, der andere wird dabeibleiben. Im Proberaum neben dem ihren übt ein junger Mann Flamenco Gitarre. Er respektiert seine Nachbarn, weil auch ihre Musik eine komplizierte ist. Als die Zeche Carl aufgegeben wurde, waren die Väter noch Kinder. Die Entzauberung Amerikas, lese ich in einer Filmkritik zu Alice; hoch oben die Bahnen, in Queens, in Wuppertal, zwischen den Stahlwerken, denke ich.
Gegenüber jener Stelle, an der der Elefant Tuffi in die Wupper stürzte, steht Friedrich Engels, 3,85 Meter groß, mit chinesischen Zügen und bronzenem Mao-Kragen, von Touristen umringt, auf halber Strecke zwischen Paris und Berlin. Artefakt. Vor der Bundeszentrale der Marxistisch Leninistischen Partei Deutschlands, in Horst, auf einem öffentlich erscheinenden, in Wahrheit aber unter Privatbesitz stehenden Stück Bürgersteig, wie wir es sonst bloß aus London, New York oder Dubai kennen, wurde eine Statue Lenins aufgestellt, 2,15 Meter groß und silbrig glänzend wie ein Power Ranger.
Tobias und ich laufen nach Ückendorf. In einem Schaufenster beobachten wir einen Riesenpudel. Wie die Hundefriseurin sein Kinn zwischen ihre Fingerspitzen nimmt und ihm ernst in die Augen schaut. Am Gebrauchtwagenhandel keine Spur mehr von diesen holografischen, blau und weiß und knallrosa funkelnden Wimpeln, die an einem Band über dem Zaun flattern müssten.
Wie umgehen also mit einem Leben in umgestürzten Kulissen?