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Christoph Sebastian

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Johannes Ender

Christoph Sebastian

The Hilariously, Hysterically, Horribly Funny Demons of Fleet Street

In dieser Saison ergründet die Ruhrtriennale Schöpfungsmythen, spürt der Kraft der Geschichte und Erinnerung nach und steigt herab zu Ursprüngen und Urängsten. „Unter Welten“ umfasst all das. Im Rahmen der Campustriennale Masterclass erhalten drei junge Theaterkollektive – ausgewählt aus 180 Bewerbungen aus aller Welt – die Möglichkeit, ein eigenes Projekt zu diesem Themenkreis unter professioneller Unterstützung zu entwickeln. Die Uraufführungen sind zu erleben an einem langen Theaterabend, der drei verschiedene Städte und Orte miteinander verbindet. Ein Trip „Unter Welten“ mit der Theatergeneration von morgen.

Der junge Regisseur Johannes Ender hat es sich zum Ziel gemacht, mit seinen künstlerischen Weggefährten an einer zeitgemäßen Wiederbelebung des Volkstheaters zu arbeiten. In ihrer Schauspielinszenierung gehen sie dem Tod und dem Lachen auf den Grund. Wortwörtlich: In einem Keller versammeln sie einsame Massenmörder, depressive Kannibalen und verzweifelte Höllenbohrer. Es geht um den Exzess der Komik des Morbiden, um das Lachen über das Sterben und warum es unser einziger Umgang mit dem Tod zu sein scheint. „The Hilariously, Hysterically, Horribly Funny Demons of Fleet Street“ basiert auf viktorianischem Groschenromanhorror sowie einer „Spiegel“-Reportage über russische Ingenieure, die bei Bohrlocharbeiten angeblich auf die christliche Hölle stießen. Kein Witz.

Johannes Eder © Andreas Schlieter

Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Tod keinen Platz mehr hat. Wir werden immer älter, bleiben aber immer jünger. Aktives Leben bis zum Sarg. Der Rest wird versteckt: in Altersheimen, Krankenhäusern, Pflegestationen. Selbst die Beerdigung wird ausgeblendet – oder wann haben Sie das letzte Mal einen Leichenwagen gesehen? Zur gleichen Zeit haben wir eine geradezu morbide Faszination für die Fiktion des Todes. Massenmörder und Zombies geistern durch Kino und Fernsehserien. Wir leben in einer Gesellschaft, die den realen Tod verdrängt und doch nach dem Abartigen lechzt.

Im Splatterfilm kann man über Tod, Mord, Gedärme und Gemetzel herzlich lachen. Unser erster, oft einziger Umgang mit dem Tod ist das Gelächter. Der Exzess der Komik des Morbiden, der lachhafte Rausch des Totentanzes, die grinsende Fratze des Totenschädels ziehen sich als Motive durch unsere Kulturgeschichte. Lachen wir, um Abstand zu gewinnen, oder weil die Emotion des Grauens zu stark ist?

Regisseur Johannes Ender und sein Team tauchen ein in das Spannungsfeld von Lachen und Sterben. „Wir wollen den Tod, das Verdrängte, Morbide, Kranke wieder aus den Kellern und Gräbern ans Tageslicht holen.“ Die Basis für den traurig-komischen Abend, der im Rahmen der Campustriennale Masterclass entwickelt wird, bilden zum einen Groschenromane aus dem viktorianischen London. Die damalige Zeit markiert den Beginn des Verdrängungsprozesses des Todes und gleichzeitig den Hochpunkt des Spiritismus und der Splatterliteratur. Zum anderen dient als Quelle eine Reportage aus dem „Spiegel“ über ein russisches Ingenieursteam, das das tiefste Bohrloch der Welt graben wollte und dabei auf die christliche Hölle gestoßen sein soll.

„The Hilariously, Hysterically, Horribly Funny Demons of Fleet Street“ vereint verschiedene Disziplinen wie Schauspiel, Komik, multimediale Komposition und bildende Kunst. Die Inszenierung will ausdrücklich Spaß machen, auch wenn sie die Schattenseiten der Gesellschaft beleuchtet. Angekündigt ist ein Abend im Keller: voller einsamer Massenmörder, depressiver Kannibalen, verzweifelter Höllenbohrer und melancholischer Monster, für die das Lachen der einzige Ausweg aus dem Verlies des eigen Grauens ist. So wie für uns.

Der junge Regisseur Johannes Ender sucht in seinen Arbeiten nach einer zeitgemäßen Wiederbelebung des Volkstheaters. Slapstick und Groteske prägten seine ersten, spielfreudigen Inszenierungen, aber auch eine Beschäftigung mit großen Fragen. Ein „philosophisches Unterhaltungstheater“. Gibt es ein Lachen nach dem Tod? Hier bestimmt.