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A Short Diary of the Campustriennale College

09. Sep. 2015

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Bei der Campustriennale kommen Studierende aus theaterpraktischen, -theoretischen und -verwandten Studiengängen (u. a. aus Polen, London und deutschsprachigen Schulen) für fünf Tage zusammen. In einem Programm aus Workshops, Diskussionen und Stücke-Anschauen verbringen wir gemeinsam Zeit, gehen in Austausch und arbeiten in Gruppen
 

Tag I

Wir treffen uns am Nachmittag, man lernt sich kurz kennen, und dann sind wir schon im Bus zur Kraftzentrale Duisburg, um Haydns „Schöpfung“ anzuhören und -sehen – als Konzertinstallation mit einem Film von Julian Rosefeldt, dirigiert von René Jacobs.

Mit dem Auftreten der MusikerInnen nehme ich eine erste Unsicherheit in den Gepflogenheiten bei mir wahr: während der Saal konzertüblich klatschend Orchester, Chor, SolistInnen und Dirigent begrüßt, bleibt mein Klatschen in den hinteren Reihen verhalten; Ich bin es vom Theater nicht gewohnt, am Anfang eines Stückes zu klatschen. Mein Körpergedächtnis sträubt sich ein wenig. Die Begegnung der Künste auf der Ruhrtriennale manifestiert sich im Kleinsten als erste Erkenntnis über die Eingleisigkeit der eigenen Studien und Gewohnheiten. Trotzdem bleibt mein Blick im Weiteren einer aus dem Theater, gerichtet auf Menschen, Gruppen, Strukturen: Mich interessiert ein Herr, der noch vor Beginn des Stückes Lachen und Lümmeln mit disziplinierenden Blicken quittiert. Während des Konzerts hat er einen heftigen Hustenanfall, den er rigoros, bis auf einige ungezwungene gurgelnde Laute, unter höchster Anstrengung erstickt. „Kunst ist gut, Leben ist besser“, denke ich.

Der Film zeigt in immer gleichem Tempo horrende Landschaften. Anstatt die Musik zu hören, denke ich über den Aufwand des Films und Drohnenschatten nach. Auch, wie Schöpfung nicht göttlich begriffen werden oder entsakralisiert werden kann. Menschlose Landschaften werden von immer gehenden Menschen eingeholt, Weiß war nie eine neutrale Farbe.

Mein Gefühl zur Musik bewegt sich woanders. Gott als Schöpfer ist Humor, die Begeisterung für die Welt partiell nachvollziehbar – oder sagen wir – immer wieder mal nachvollziehbar. Die düsteren entrückten Bilder im Film bleiben mir fremd. Vielleicht braucht man eine Liebe zum Leben, um über die Schöpfung jubeln zu können.Vor der Kraftzentrale eine Pommesbude, 1,50 Euro. Fein Gekleidete drängen sich unter den Sonnenschirmen als Schutz vor dem Regen, Lippenstifte verschmieren an Plastikgabeln. Der Abend riecht gut.



Tag II

Ich habe heut mit Gott gesprochen. Er ist Samson in der Tonne und weiß: Dass Ernie und Bert sich getrennt haben, ist ein Gerücht. Wichtige Worte sind: Dynamik, Sozialstaat, Nilpferd.

Das ist das Ergebnis einer geheimnisvollen Flüsterstunde in der Installation „Nomanslanding“. Ich habe mit einer Wand gesprochen und sie hat geantwortet. „Sag mal Bruttosozialprodukt“ oder respektive „Bratwurst mit Sauerkraut“. Vermutlich ist Gott auch Teilnehmer der Campustriennale, aber ich habe ihn nicht wieder gefunden. Melde dich bei mir.

Nach einem Rundgang durch die Duisburger „Ausstellungsstücke“, Busfahrt nach Gladbeck zu „Die Franzosen“ von Krzysztof Warlikowski und dem Ensemble des Nowy Teatr Warschau. Epochal wirkende viereinhalb Stunden, die teils harte Reaktion zitieren (im Sinne von reaktionär) mit teils fragwürdigen Mitteln (allen voran eine Silikonmaske, für den Weißen Schauspieler des „Schwarzen Dieners“ im Frankreich um 1900), dabei aber ästhetische Dimensionen einnehmen, die meinen Ärger über solche Entscheidungen auf nach der Aufführung verschieben. Ich bin gefangen im Stück. Unbelievable Tableaus aus Bild und Sound, in die sich Sprache und Geräusche fast instrumental über Microports als Teil der Klangflächen einfügen. Oder kommt mir das nur so vor, weil ich kein Wort Polnisch verstehe?

Was ich vor allem für die eigene Arbeit aus diesem Abend mitnehme: Weniger Aufgeregtheit auf der Bühne. Dem Sprechen und auch der Langsamkeit vertrauen lernen. Dinge, die gesagt werden, in aller Ruhe setzen, in Ruhe – so wie die große unsterbliche Wahrheit mit aller Zeit der Welt sprechen würde, wenn es sie gäbe.



Tag III

Ich kann mich gar nicht erinnern, wie oft ich, seit ich Theater mache, gehört habe: Die Frage, wie Theater Gesellschaft verändern könne, sei eine gute und richtige und wichtige sowie eine große Diskussion! Der nächste, stets folgende Satz ist dann: „Aber dafür haben wir jetzt keine Zeit, also lasst uns weitermachen.“ Denn immer steht am Ende einer Zusammenarbeit eine Premiere oder Präsentation, die zu einem festgelegten Zeitpunkt stattfinden muss.

Ich spinne im Kopf herum: Macht es nicht Sinn, lieber ein Jahr kein Theater zu machen – von mir aus weltweit – und sich der Frage nach der Möglichkeit zur Veränderung der Gesellschaft durch Theater zu stellen? Versuchsweise damit aufhören, wegen knapper Probenzeit, Bachelor-ECTS-Punkte-Sammelei oder Arbeitseffektivität immer nicht mehr nach dem Grund zu suchen, der Theater konstituiert? Jede Rationalisierung der Prozesse macht Theater banaler in einer Zeit, in der ich nicht weiß, was noch ein nur annähernd so reales und kollektives Potenzial hat, ernsthaft etwas zu bewirken. Angesichts der Ratlosigkeit vor einem lückenlos funktionierenden, tödlichen Kapitalismus, der um uns grassiert, uns umschlingt, in uns eindringt, ist die Flucht vor der Frage verständlich – aber – wenn wir ehrlich sind, nicht zu rechtfertigen.

Das denke ich, nebenbei, im Workshop vor mich hin, und – arbeite weiter.

Am Abend drei Konzerte in der Jahrhunderthalle zu Terry Rileys 80. Geburtstag. Das Konzert „Africa Express Presents Terry Riley‘s In C Mali“ produziert analog auf der Bühne eine Soundfläche zum Eintauchen. Wunderbar.



Tag IV

"Orfeo“ might not be for suicidal people.

„You've killed me“, I thought, when I entered the last room. Before, a white dressed man sang my own Requiem into my eyes straight through my body to my feet. He had the same eye colour as I do.“

Jetzt bin ich wieder draußen in der Sonne und vermeide andere Menschen. Meine Hand ist schmutzig, weil sie beim Verlassen von Susanne Kennedys Sterbeübung über jede Wand gestreift hat, an der ich vorüberkam. Ich liege auf heißem Asphalt und sehe kleinen Wolken zu, die über einem Fabrikschornstein herumtollen.
Eurydike.

So gesehen ist mein Tag gelaufen. Ich habe heute keine Lust mehr, am Leben teilzunehmen.

Zu „Much Dance“ im darauffolgenden habe ich dementsprechend nicht viel zu sagen. Some said afterwards it was obviously great. For me it had two main messages: Women are cruel and always want to have control and power. And: when gay men have sex, old men die. I’m not sure, if I got it right. I hope not.



Tag V

Die letzte Nacht vor der Abreise habe ich mit einer Freundin im Kopf eines gevögelten Hundes auf dem Gelände der Jahrhunderthalle verbracht, im sogenannten Domesticator. It was fine. We had spent the evening outside, it was warm and windy. Der Zigarettenrauch hat sich sanft in die Hitze gedreht. Über uns der Nicht-mehr-ganz-Vollmond, der die Träume der Nacht verdichtet hat. Ich bin etwas geplagt aufgewacht. Eine luxuriöse Morgendusche hat das geändert. Noch besser: ein Einkauf bei Penny, Lollies für unsere Workshoppräsentation, die um 10 Uhr beginnen sollte. Und einen Kaffee.

Vier Gruppen haben in wenigen Stunden Konzepte für Kevin Rittbergers Stück „Kassandra“ aus dem Jahr 2010 entworfen, in dem es um die Geschichte von Blessing und Boubacar geht, die aus Nigeria und der Elfenbeinküste versuchen, nach Europa zu kommen; aber es geht auch um die Überforderung oder gar Sinnlosigkeit europäischer „Kulturschaffender“, eine Verbesserung oder Veränderung zu bewirken, eine Möglichkeit adäquaten Erzählens zu finden oder überhaupt die eigene Arbeit zu rechtfertigen, angesichts einer täglich stattfindenden Tragödie, an der man mitverantwortlich ist.

Unsere Gruppe „rainbow unicorns“ hat ein Konzept für einen Themenpark entwickelt – „European Wonderland“ – besagte Lollies verteilt und dabei das Europalied (Wir reisen durch Europa ...) zweistimmig gesungen. Zynismus? Maybe. Zynismus ist auch, was jeden Tag passiert. Wieder die angerissene Diskussion, was Kunst überhaupt tun könne, wofür man Einfühlung brauche und ob es nicht manchmal auch Sinn mache, einfach zu sagen: Die Welt ist groß und reich genug für alle; solange es Kapitalismus gibt, wird es auch unnötige Tragödien geben.

Nur dann, wie weiter? At least, start thinking about it as fast as possible (= now). Unite.



Von Sophia Barthelmes

Sophia Barthelmes studiert Regie in Hamburg, ist Mitglied der Theaterkompanie „JesusMaria & JosefStalin“ sowie des weird-stuff-Duos Barthelmes/Kaufmann.